
© 2009 -
Bittere Wahrheit
Die Tür fällt hinter Jens ins Schloss. Leise. Gedämpft. Der letzte Funke Hoffnung
ist erloschen. Er muss es Katja jetzt sagen, das ist er ihr schuldig. Mit Schritten,
als beschwerten Blei seine Beine, geht er die Treppe hinunter. Seit sechs Wochen
weicht er ihr aus, was in der Zweizimmerwohnung nicht immer einfach ist. Nachts liegt
er wach neben ihr, saugt ihren Geruch in sich auf. Das Verlangen nach ihr macht ihn
fast wahnsinnig. Trotzdem. Die Angst frisst ihn auf. So muss sich ein Aussätziger
fühlen.
Katja fragt immer öfter, was mit ihm los ist, warum er sie zurückweist. Lange
wird sie nicht mehr fragen, aber das braucht sie auch nicht. Er muss es ihr sagen.
Noch heute.
Mehr als einmal ist er kurz davor gewesen, doch dann war er wieder zu
feige.
Auf dem Küchentisch liegt eine Nachricht von ihr. Sie ist mit ihren beiden
Neffen im Zoo und will sie dann direkt bei ihrer Schwester abliefern. Es kann also
später werden. So lange hat er noch Zeit. Aber Zeit wofür?
Er holt sich ein Bier
aus dem Kühlschrank und setzt sich vor den Fernseher. Quizsendungen, Talkshows, Werbung
und Comedy, über die er nicht lachen kann. Er zappt durch alle Kanäle. Wäre er Svenja
nur nie begegnet.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Katja kommt heute früh. Viel
zu früh.
„Du bist schon zu Hause?“ Sie kommt zu ihm und küsst ihn auf die Stirn.
Er
nickt kurz, als würde ihn das Programm interessieren. Erst jetzt bemerkt er, dass
er bei einer dieser Talkshows gestrandet ist, in denen sich die Studiogäste gegenseitig
anschreien und ihren Partner für das missratene Leben verantwortlich machen.
Sie
legt ihre Schlüssel auf den Tisch und holt sich ein Glas Wasser. „Siehst du dir jetzt
schon diesen Quatsch an? Reichen dir deine Probleme nicht?“
Er sieht auf. Der Schreck
muss in seinen Augen blitzen. Weiß sie es? Nein, sie kann es nicht wissen. Unmöglich.
Er schluckt. Es stimmt, er hat mehr als genug Probleme und die werden gleich noch
größer.
Katja ist so schön, selbst wenn sie wütend ist. Früher, das war bis vor sechs
Wochen. Da hat er sie in die Arme genommen, geküsst und danach war wieder alles in
Ordnung.
„Ich muss mit dir reden.“ Er räuspert sich.
Ihre Brauen zucken nach oben.
Er
hält ihren Blick nicht aus, streicht über seine abgekauten Fingernägel. Hunderttausend
mal hat er sich ausgedacht, wie er es ihr sagen würde. Aber jetzt? Jetzt wird es
ernst. Er zittert. „Ich…“ Er holt Luft. „Ich bin HIV positiv.“ Ein Teil von ihm
fürchtet den Schrecken in ihrem Gesicht, der andere muss wissen, wie sie reagiert.
Ihre
Augen werden größer, die Nasenflügel blähen sich. Die Farbe weicht aus ihrem Gesicht.
Warum
sagt sie nichts?
„Ich habe dir vertraut!“, schreit eine junge Frau im Fernsehen. „Ich
wollte schon immer Kinder.“
„Aber doch keine fünf“, antwortet ihr Streitpartner.
Jens
beißt sich auf die Lippe. Ihr Schweigen erträgt er nicht länger. „Es tut mir leid…
ich…“
Das Leben kriecht in ihren Körper zurück. Wie in Zeitlupe geht sie zum Sofa,
setzt sich auf das andere Ende, weit weg von ihm. Sie zieht ihre Beine an sich und
umschlingt ihre Knie. Tränen stehen in ihren Augen, aber sie beherrscht sich.
Er
würde sie gern trösten, er muss sich bremsen, nicht zu ihr zu rücken und sie in den
Arm nehmen. Das will sie jetzt bestimmt nicht.
„Seit wann?“
„Vor sechs Wochen hat
mir Svenja gesagt, dass ich mich testen lassen muss, da sie ... aber erst seit heute
habe ich die Gewissheit.“ Verdammt, warum?
Sie schluckt. Der Muskel ihres Halses
dehnt sich. Sie hat eine fette Kröte zu schlucken.
„Mach diesen scheiß Fernseher
aus!“, schreit sie unvermittelt.
Er greift nach der Fernbedienung. „Es tut mir leid.“
„So,
leid tut es dir. Mehr fällt dir nicht ein?“
„Ich habe gehofft, sie hat es sich erst
geholt, nachdem wir uns getrennt haben, bevor wir beide... Das Ergebnis war nicht
sicher, daher wurde nachgetestet. Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen.“
„Du
wolltest mich nicht unnötig beunruhigen.“
Sie steht auf, geht zu ihm. Er zuckt
zurück. Eine Ohrfeige ist das Mindeste, was er verdient hat, aber sie streicht ihm
sanft übers Haar. „Ich will jetzt allein sein. Ich brauche frische Luft.“
Weg ist
sie. Es war raus. Er kann verstehen, wenn sie jetzt nichts mehr von ihm wissen will.
Trotzdem, Irgendetwas macht ihm Hoffnung. Immerhin hat sie ihn nicht gleich vor die
Tür gesetzt, sie hat ihn sogar berührt. Er ist doch keine Aussätziger. Auch mit Aids
kann man zusammenleben. Es gibt Medikamente, die Krankheit muss nicht gleich ausbrechen.
In
einem Anflug von Sentimentalität sucht er nach einem Fotoalbum. Irgendwo im Schrank
muss es doch sein. Er möchte sie jetzt glücklich sehen, ihr Lachen. Nur für einen
Augenblick möchte er den Schrecken vertreiben.
Er zieht das Album hervor. Ein Plastikstäbchen
fällt auf den Boden. Er hebt es auf. Ein Schwangerschaftstest? Hat Katja …? Er dreht
das Stäbchen um. In der Mitte zeigt ein roter Strich ein positives Ergebnis an.
Das
Stäbchen fällt ihm aus den Händen.
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