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In Love Klaus

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   Bittere Wahrheit

Die Tür fällt hinter Jens ins Schloss. Leise. Gedämpft. Der letzte Funke Hoffnung ist erloschen. Er muss es Katja jetzt sagen, das ist er ihr schuldig. Mit Schritten, als beschwerten Blei seine Beine, geht er die Treppe hinunter. Seit sechs Wochen weicht er ihr aus, was in der Zweizimmerwohnung nicht immer einfach ist. Nachts liegt er wach neben ihr, saugt ihren Geruch in sich auf. Das Verlangen nach ihr macht ihn fast wahnsinnig. Trotzdem. Die Angst frisst ihn auf. So muss sich ein Aussätziger fühlen. 
Katja fragt immer öfter, was mit ihm los ist, warum er sie zurückweist. Lange wird sie nicht mehr fragen, aber das braucht sie auch nicht. Er muss es ihr sagen. Noch heute. 
Mehr als einmal ist er kurz davor gewesen, doch dann war er wieder zu feige.
Auf dem Küchentisch liegt eine Nachricht von ihr. Sie ist mit ihren beiden Neffen im Zoo und will sie dann direkt bei ihrer Schwester abliefern. Es kann also später werden. So lange hat er noch Zeit. Aber Zeit wofür? 
Er holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich vor den Fernseher. Quizsendungen, Talkshows, Werbung und Comedy, über die er nicht lachen kann. Er zappt durch alle Kanäle. Wäre er Svenja nur nie begegnet. 
Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Katja kommt heute früh. Viel zu früh. 
„Du bist schon zu Hause?“ Sie kommt zu ihm und küsst ihn auf die Stirn. 
Er nickt kurz, als würde ihn das Programm interessieren. Erst jetzt bemerkt er, dass er bei einer dieser Talkshows gestrandet ist, in denen sich die Studiogäste gegenseitig anschreien und ihren Partner für das missratene Leben verantwortlich machen. 
Sie legt ihre Schlüssel auf den Tisch und holt sich ein Glas Wasser. „Siehst du dir jetzt schon diesen Quatsch an? Reichen dir deine Probleme nicht?“ 
Er  sieht auf. Der Schreck muss in seinen Augen blitzen. Weiß sie es? Nein, sie kann es nicht wissen. Unmöglich. Er schluckt. Es stimmt, er hat mehr als genug Probleme und die werden gleich noch größer. 
Katja ist so schön, selbst wenn sie wütend ist. Früher, das war bis vor sechs Wochen. Da hat er sie in die Arme genommen, geküsst und danach war wieder alles in Ordnung.  
„Ich muss mit dir reden.“ Er räuspert sich.
Ihre Brauen zucken nach oben. 
Er hält ihren Blick nicht aus, streicht über seine abgekauten Fingernägel. Hunderttausend mal hat er sich ausgedacht, wie er es ihr sagen würde. Aber jetzt? Jetzt wird es ernst. Er zittert. „Ich…“ Er holt Luft. „Ich bin HIV positiv.“  Ein Teil von ihm fürchtet den Schrecken in ihrem Gesicht, der andere muss wissen, wie sie reagiert. 
Ihre Augen werden größer, die Nasenflügel blähen sich. Die Farbe weicht aus ihrem Gesicht. 
Warum sagt sie nichts? 
„Ich habe dir vertraut!“, schreit eine junge Frau im Fernsehen. „Ich wollte schon immer Kinder.“ 
„Aber doch keine fünf“, antwortet ihr Streitpartner. 
Jens beißt sich auf die Lippe. Ihr Schweigen erträgt er nicht länger. „Es tut mir leid… ich…“ 
Das Leben kriecht in ihren Körper zurück. Wie in Zeitlupe geht sie zum Sofa, setzt sich auf das andere Ende, weit weg von ihm. Sie zieht ihre Beine an sich und umschlingt ihre Knie. Tränen stehen in ihren Augen, aber sie beherrscht sich. 
Er würde sie gern trösten, er muss sich bremsen, nicht zu ihr zu rücken und sie in den Arm nehmen. Das will sie jetzt bestimmt nicht. 
„Seit wann?“ 
„Vor sechs Wochen hat mir Svenja gesagt, dass ich mich testen lassen muss, da sie ... aber erst seit heute habe ich die Gewissheit.“ Verdammt, warum?  
Sie schluckt. Der Muskel ihres Halses dehnt sich. Sie hat eine fette Kröte zu schlucken. 
„Mach diesen scheiß Fernseher aus!“, schreit sie unvermittelt. 
Er greift nach der Fernbedienung. „Es tut mir leid.“ 
„So, leid tut es dir. Mehr fällt dir nicht ein?“ 
„Ich habe gehofft, sie hat es sich erst geholt, nachdem wir uns getrennt haben, bevor wir beide... Das Ergebnis war nicht sicher, daher wurde nachgetestet. Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen.“ 
„Du wolltest mich nicht unnötig beunruhigen.“  
Sie  steht auf, geht zu ihm. Er zuckt zurück. Eine Ohrfeige ist das Mindeste, was er verdient hat, aber sie streicht ihm sanft übers Haar. „Ich will jetzt allein sein. Ich brauche frische Luft.“ 
Weg ist sie. Es war raus. Er kann verstehen, wenn sie jetzt nichts mehr von ihm wissen will. Trotzdem, Irgendetwas macht ihm Hoffnung. Immerhin hat sie ihn nicht gleich vor die Tür gesetzt, sie hat ihn sogar berührt. Er ist doch keine Aussätziger. Auch mit Aids kann man zusammenleben. Es gibt Medikamente, die Krankheit muss nicht gleich ausbrechen. 
In einem Anflug von Sentimentalität sucht er nach einem Fotoalbum. Irgendwo im Schrank muss es doch sein. Er möchte sie jetzt glücklich sehen, ihr Lachen. Nur für einen Augenblick möchte er den Schrecken vertreiben. 
Er zieht das Album hervor. Ein Plastikstäbchen fällt auf den Boden. Er hebt es auf.  Ein Schwangerschaftstest? Hat Katja …? Er dreht das Stäbchen um. In der Mitte zeigt ein roter Strich ein positives Ergebnis an. 
Das Stäbchen fällt ihm aus den Händen.

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